GUIDEGUIDE AG
Viel ist nicht mehr übrig von den Anfängen von Heckens .com-Ära. Ein paar Tassen, die noch heute aussehen wie neu, ein Buch im Regal. Dahinter verbirgt sich einiges mehr.
Michael Schwartz widmete dem Unternehmen 2001 ein eigenes Kapitel im Springer-Sammelband "Virtuelle Organisationen im Zeitalter von E-Business und E-Government", herausgegeben von Walter Gora und Harald Bauer (Print ISBN 978-3-642-63981-4). Guideguide wird dort als Fallstudie einer neuen Form von B-to-B-Plattform beschrieben — zu einer Zeit, in der die akademische Welt noch damit rang, dem Phänomen Internet überhaupt einen Namen zu geben.
Gegründet im Frühjahr 1995 als Mediaconsult Ltd in London, die damals die erste Deutsche Botschaft bereits 1996 mit einem CMS System ausstattete, sowie die Französische Botschaft London/Berlin, Granada Group (ITV), Storm Models (Virgin) etc. Nach Beendigung des Studiums in London ging dann diese Firma im März 1999 in die Guideguide AG über — ein sehr früher Vorläufer dessen, was ein Jahrzehnt später unter dem Namen Software-as-a-Service zum dominierenden Geschäftsmodell des Internets werden sollte.
Kleine und mittelständische Unternehmen bekamen ein standardisiertes, professionell programmiertes Content Management System, samt Website, E-Mail, Cloud Speicher, sogar eine private Website gab es dazu, ohne zum Starten selbst einen PC zu brauchen. Der Kunde erhielt eine "Guidebox" (Hecken hatte ein Patent angemeldet, mit dem die Kombination aus Formularen und Analog-Kamera zur Erstellung von Websites geschützt war) mit Einwegkamera, Handbuch und Stift, trug seine Daten ein, schickte das Paket zurück — und hatte 48 Stunden später einen Web-Auftritt online. Jede Seite wurde einem Branchenportal zugeordnet; bis zu 200 solcher vertikalen Guides waren geplant, vom Gourmet- über den Architektur- bis zum Handwerker-Guide. Das Guideguide System konnte theoretisch so pro Tag hunderte von Websites vollautomatisch scannen und bauen. Man kann sich heute kaum vorstellen, dass es 1999 faktisch noch keine bezahlbaren Digitalkameras gab.
Guideguide setzte bewusst nicht auf werbefinanzierte Banner-Modelle wie die meisten Dotcom-Unternehmen, sondern auf Gebühren — ein wiederkehrendes Abomodell, Jahre bevor der Begriff Subscription Economy existierte. 2001 arbeiteten 52 Mitarbeiter für das Unternehmen. CEO wurde 2000 Achim Berg (zuvor Chef Fujitsu Siemens Computers, später Vorstand T-Com, Microsoft Chef (D), Arvato CEO). Zu den Vertriebspartnern zählten Apollinaris, Mensch und Maschine, Hi-Cad, Foto-Quelle, T-Online, Hertie, Karstadt — und als größter Coup der Schraubenhersteller Würth mit 2.500 Außendienstmitarbeitern als Kanal in das deutsche Handwerk.
Es war damals die inhaltsstärkste Plattform für Handwerker, Krankenhäuser, Restaurants, Galerien in Deutschland. Bei der German "Hot 100" wurde die Guideguide AG während der Hochphase des .com-Booms ständig auf den vorderen 5 Plätzen geführt. Guideguide war keine brutale Cash-Burn-Maschine, sondern konnte sogar im Krisenjahr 2000 einen fast zweistelligen Millionenumsatz ausweisen, der über Projektgeschäft mit den "Old-Economy"-Partnern reinkam. Schon immer ein Spezialgebiet Heckens, die Firmen mit Projektumsätzen solange zu füttern, bis sie entweder verkauft oder, wenn der Plan nicht aufgeht, runtergefahren werden können. Bemerkenswert ist aus heutiger Sicht noch der Name der Software auf dem das ganze aufgebaut war: NCOS, Network Computer Operating System. Der Werbespruch der Guideguide von damals war "Die fliegende Festplatte" — dass dies später mal Cloudcomputing und SaaS heißen sollte konnte keiner ahnen, aber die Vision war viele Jahre vor ihrer Zeit.
T-Online wollte 2000 das Unternehmen für eine Bewertung von 250 Mio. zu 25,1% übernehmen, geriet dann aber im .com-Crash selbst zu stark ins Straucheln. Zum Vergleich: Google hatte im Sommer 2000 etwa 36 Mio. $ VC-Funding, so gut wie keinen Umsatz und wurde mit 100 Mio. $ bewertet. Einen Handshake mit den damaligen Vorständen Keuntje, Reichard-Berg, Eck hatte Hecken auf der CeBIT 2000 bekommen, zusammen mit einem Projektauftrag über 3 Mio. Euro, den T-Guide, wie er später heißen sollte, unter Hochdruck weiterzuentwickeln. Ein herber Schlag, als Wochen und Monate später nach dem T-Online-Börsengang im April 2000 die Vorstände von Ron Sommer, dem damaligen CEO der Telekom, geschasst wurden. Intern war ein Machtkampf ausgebrochen um die Milliarden des Börsengangs. Content vs. Kabel — wie fatal diese Fehlentscheidung von Sommer war, sieht man heute deutlich. Der Siegeszug der "Big 7" spricht Bände, wer damals recht hatte.
Alles in allem war das Unternehmen aus heutiger Sicht auf dem falschen Kontinent chancenlos, mit seinem Universalprinzip gegen Google und Co. irgendetwas auszurichten. Guideguide hatte damals etwa 2 Mio. Euro Startkapital, Google fing mit etwa dem 15-Fachen Kapital zur gleichen Zeit an. Der 62,5-Millionen-Euro-Investitionsplan, der als Ass im Ärmel des T-Online-Vorstands bereitlag, wurde letztlich von einem Walkman-Verkäufer versenkt, der nie verstanden hat, was Software eigentlich ist. Ein wiederkehrendes deutsches Muster: konservative Kräfte an die Spitze zukunftsweisender Projekte zu setzen — was vorhersehbar jedes Mal fatal endet. Für Hecken war das Thema Software mit dem Ende der .com-Ära beendet, der Neue Markt wurde am 5. Juni 2003 für immer geschlossen und er hatte keine Lust, mit kleinteiligen IT-Projekten weiterzumachen.
Hecken, der am 1. Januar 1999, mitten in dem ganzen Wahnsinn, seinen Bruder bei einem tragischen Unfall verloren hatte, verließ 2004 nach einer harten Sanierungsphase von über 50 Mitarbeitern auf 5 und übergab die Führung. Sein Ziel, eine Insolvenz unter seiner Führung zu vermeiden, hatte er erreicht. Das Rennen um die "bigger Models" war von den Amerikanern haushoch gewonnen worden, und so widmete sich Hecken seinem alten Jugendtraum, Industriedesigner zu werden, und wandte sich Richtung Fahrzeugbau, von dem er damals überzeugt war, dass es besser in die starre Welt der BRD passen würde. Mit dem Tod seines Bruders war ein Umzug in die USA schon 1999 unmöglich geworden.
Die Websites, die einige Tausend KMU unter Vertrag hatten, liefen noch bis etwa 2020 weiter ohne einen einzigen festen Programmierer. Ein schöner Beweis, wie stabil die Perl-Umgebung programmiert war, die damals unter der Führung von Christoph Damian und seinem Bruder Thomas Damian in London mit 25 Programmierern entstanden war. Aufsichtsratsvorsitzender war damals sein Vater Karl Hecken, der diese harte Phase für die ganze Familie komplett von Anfang bis Ende mitgezogen hat.
Was blieb, war die Schule. Strukturierte Vertriebsorganisationen, B2B-Partnerschaften, das Abomodell — Prinzipien, die bis heute in jedem weiteren Projekt mitlaufen. Und was bis heute bleibt, ist die Gewissheit, dass man in einem anderen Land als Deutschland ein solches Enterprise auf ganz anderes Niveau hätte heben können... Und ein paar bunte Tassen.











































































